Leseproben, Wortproben

 

 

Um 22.25 Uhr wird überstürzt die Feuerwehr gerufen, nur wenige Minuten später an den Haustüren geklingelt, die Menschen werfen im Hinauslaufen rasch Jacken über und eilen den Weg nach oben. Man sieht zunächst nichts, hört nur ein Flirren in der Luft, ein Wehen, das gerade in seiner zunächst kaum identifizierbaren Art beängstigend wirkt. Sie hasten weiter und nun erhebt sich ein mächtiges Etwas in der Luft und da stehen sie auch schon davor. Die Wände stehen in haushohen Flammen, sie schlagen in den schwarzen Himmel. Niederstürzende, brennende Balken, gespensterhaftes Glühen von sich krümmenden Eisenteilen. Es erscheinen weitere Menschen, sie stehen gebannt vor den Flammen und gaffen, immer wer hört man einige Worte. „Das kam nicht von außen, das kam von innen“, sagen sie, oder: „Das ist schlimm, wer hätte das gedacht“, und manche auch nur: „Das Haus war schon alt“. Alle sind sie fasziniert von den hohen Flammen, die Kinder reißen neugierig ihre Augen auf, was für eine Abwechslung für einen Samstag Abend, heute schickt sie noch keiner ins Bett.

Die Feuerflammen sind in ihrer Unerbittlichkeit nicht zu ertragen, sie sind zu heftig, lodern hoch hinauf, und doch stehen die umgebenden Bäume scheinbar teilnahmslos, fangen kein Feuer. Wie kann das sein? Ein flammend roter Rock, der Feuerreiter, gleißt und tobt, es brennt, es brennt!

Dann ein heftiges Bersten, ein Brechen, ein Fall – die glühenden und brennenden Wände fallen kraftlos auseinander, übergeben sich der wütenden Hitze.

Es erscheint die Feuerwehr, die vermummten Gestalten brechen in das Grundstück herein, Schläuche werden gezogen, Gebüsch wird getrampelt, nun übernehmen sie das Regiment. Es spritzt, es ruft, es wimmelt, es zuckt das blaue Licht der heranrückenden Fahrzeuge, die Flammen sind schon niedergebrannt, es raucht, doch herrscht weiterhin eine drängende Unruhe. Die Scheinwerfer setzen den Tatort und die Nacht erbarmungslos in Szene. Der Leib des Hauses wird aufgewühlt, durchkämmt, eine Spitzhacke schlägt immer wieder auf den Grund, verkohlte Balken werden herausgezogen, herausgeworfen, als würde ein großes Tier geschlachtet, die Eingeweide herausgerissen. Die Stämme der im Kreis das Haus umstehenden Bäume werden abgespritzt.

Die Vermummten wissen sich beobachtet, vielleicht sogar stumm bewundert, sie bewegen sich wie auf einer Bühne, scheinbar gönnerhaft. Sie spielen ihre Szene aus, scheinen fast ihren Auftritt zu genießen. Selbstbewusst ziehen sie später die Visiere vom Gesicht, machen einige leutselige Bemerkungen, entspannen sich bei einigen lockeren Worten und posieren gerne vor den eifrig gezückten Fotoapparaten. Später verlassen sie nach und nach stolz das rauchende und stinkende Schlachtfeld.

 

 

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